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Introvertiert, hochsensibel – oder beides auf einmal?

Text: Julia Felicitas Allmann
Fotos: Vivien Mallon privat, Unsplash
15.03.2022
Vivien Mallon
Oft landen alle stillen Menschen in einer gemeinsamen Schublade: Sie gelten als besonders sensibel, als introvertiert oder als schüchtern. Und oft haben sie das Gefühl, sich ihre ruhige Art abtrainieren zu müssen. Eine Expertin erklärt, wo Unterschiede, Gemeinsamkeiten und vor allem Stärken der verschiedenen Merkmale liegen.

Beginnen wir mit Begriffserklärungen: Das Wort Introversion (manchmal auch Introvertiertheit genannt) besteht aus „intro“, was „hinein, nach innen“ bedeutet. Der zweite Bestandteil „vertere“ bedeutet „wenden“. „Es geht also um eine nach innen gewandte Haltung“, erklärt Vivien Mallon, die Expertin für Introversion ist und auf Intropower.de
viele Inhalte zum Thema veröffentlicht. „Introvertierte richten ihre Energie und Aufmerksamkeit eher nach innen.“

Introvertiert oder extrovertiert?

Ein entscheidender Faktor in der Unterscheidung von introvertierten und extrovertierten Menschen ist, woher sie ihre Energie bekommen, worauf sie ihren Fokus liegen. „Bei Introvertierten liegt der Fokus ganz klar auf der Innenwelt, also ihren Gedanken, Gefühlen, Ideen und Eindrücken“, sagt Vivien. Dort laden sie auch ihre Energie auf. „Diese Energie können sie so lange für den Kontakt mit der ‚Außenwelt‘ einsetzen, bis ihr innerer Akku aufgebraucht ist“, so die Expertin. „Dann fühlen sie sich erschöpft, nervös oder gereizt und müssen sich eine Weile zurückziehen, um ihren Akku wieder aufzuladen.“

Bei Extrovertierten sieht das anderes aus. Sie ziehen Energie aus dem Kontakt mit anderen Menschen. Sind sie zu lange allein oder in einer zu reizarmen Umgebung, brauchen sie neue Impulse von außen, um ihre Akkus wieder aufzutauchen.

„Das heißt übrigens nicht, dass Introvertierte es nicht mögen, mit anderen Menschen zusammen zu sein“, erklärt Vivien, die selbst introvertiert ist. „Wir genießen den Kontakt zur Außenwelt einfach nur in einer geringeren Dosis als Extrovertierte.“

Introversion und Schüchternheit: Die Angst unterscheidet

Auch die Abgrenzung zwischen Introversion und Schüchternheit lässt sich genau erklären. „Es geht darum, ob man Angst hat oder nicht“, so Vivien. Nehmen wir dafür ein Beispiel: Eine Frau sitzt in einem Meeting mit mehreren Kolleg:innen, die lautstark und schnell diskutieren, während sie sich ruhig Notizen macht und sich weitgehend heraushält. Ob sie das aus Introversion oder Schüchternheit tut, hängt von ihrer Absicht in der Situation ab. „Möglichkeit 1: Die Frau würde viel lieber mit ihren Kolleg:innen diskutieren, aber sie hat zu viel Angst davor, für ihre Meinung kritisiert zu werden“, erklärt Vivien. „Deshalb sagt sie lieber nichts, solange sie nicht muss. Sie ist schüchtern.“

Bei einer introvertierten Person sieht es anders aus: „In der zweiten Möglichkeit hat die Frau gar nicht das Bedürfnis, mitzudiskutieren, weil die Situation sie anstrengt. Sie setzt ihre ruhigen Stärken für sich ein, indem sie aufmerksam zuhört und sich Notizen macht.“ Ihren eigenen Input würde sie am Ende des Meetings oder im Nachgang mit den Kolleg:innen teilen.

Das bedeutet: „Schüchterne Menschen wünschen sich mehr Kontakt zu anderen, werden aber von ihren Ängsten daran gehindert“, so Vivien. „Introvertierte dagegen fühlen sich mit ihrem ruhigen Verhalten total wohl. Wenn sie mit anderen reden wollen, dann machen sie das auch – auf ihre eigene ruhige Art.“

Trotz dieses gravierenden Unterschieds gibt es jedoch auch Gemeinsamkeiten und natürliche Überlappungen: „Es ist naheliegend, dass sich viele Introvertierte auch ein schüchternes Verhalten antrainiert haben. Denn in einer Welt, in der Lautstärke, Schnelligkeit und Kontaktfreudigkeit hochgeschätzt werden, gehen Menschen mit einer ruhigen Art schnell unter.“

Introvertiert oder hochsensibel: Was ist anders?

Die Abgrenzung zwischen Introversion und Schüchternheit wäre also erklärt, bleibt die Frage, ob und wie sich introvertierte und hochsensible Menschen unterscheiden. „Es gibt Aspekte der Introversion und der Hochsensibilität, die sich überschneiden“, so Vivien. „Trotzdem handelt es sich eigentlich um zwei verschiedene Eigenschaften. Und: Auch Extrovertierte können hochsensibel sein.“

Über Hochsensibilität haben wir bei Genki schon mehrfach geschrieben, einen umfassenden Artikel zum Thema findest du zum Beispiel hier. Um es noch einmal kurz mit Viviens Worten zu erklären: „Menschen, die Reize über ihre fünf Sinne intensiver wahrnehmen und länger brauchen, um sie zu verarbeiten, sind hochsensibel. Der Grund dafür liegt bei Hochsensiblen in ihrem außerordentlich empfindsamen Nervensystem.“

Auch Introvertierte brauchen der Expertin zufolge länger, um Reize zu verarbeiten, allerdings würden sie diese nicht unbedingt so intensiv wahrnehmen wie hochsensible Personen. „Grund für die längere Verarbeitung ist, dass bei Introvertierten die Nervenbahnen länger sind als bei Extrovertierten. Dadurch müssen die aufgenommenen Reize einen weiteren Weg zurücklegen, um verarbeitet zu werden.“

Schätzungsweise sind laut Vivien 70 Prozent der Hochsensiblen auch introvertiert, 30 Prozent von ihnen extrovertiert. „Man kann aber auch introvertiert und nicht hochsensibel sein. Dann hat man nicht zwingend eine empathische Ader und braucht zwar viel Zeit für sich allein, aber wird durch bestimmte Arten von Reizen weniger beeinflusst als Hochsensible.“

Bist du introvertiert?

Vielleicht hast du dich in einigen der Beschreibungen wiedererkannt – vielleicht findest du dich auch irgendwo dazwischen wieder. „Introversion und Extraversion kann man sich wie zwei äußere Punkte auf einer Skala vorstellen“, sagt Vivien. „Auf der einen Seite liegt die Introversion, auf der anderen Seite die Extraversion. Wir alle haben eine natürliche Tendenz zur einen oder zur anderen Seite. Aber wir sind dort nicht festgewachsen.“

Man könne im Alltag flexibel die Seiten wechseln, als Introvertierte auf eine Party gehen, als Extrovertierte alleine auf der Couch ein Buch lesen. 

„Ob wir eher introvertiert oder extrovertiert sind, hängt davon ab, auf welcher Seite wir uns am wohlsten fühlen.“

Wenn du es für dich herausfinden willst, spüre am besten einmal in dich hinein und reflektiere deinen Umgang mit der Außenwelt: „Wichtig ist dabei nicht das, was man täglich macht (weil man es vielleicht machen muss), sondern wie man sich dabei fühlt. In welchen Situationen und bei welchen Tätigkeiten fühlst du dich wirklich wohl? Und kannst du diese eher der introvertierten oder der extrovertierten Seite zuordnen?“

Introvertiert? Dann rede darüber

Ob introvertiert oder hochsensibel: Viele Menschen, die einer dieser Gruppen zuzuordnen sind, glauben anfangs, etwas sei falsch mit ihnen, sie müssten sich ändern. Aufgedrehter sein, um akzeptiert zu werden – in Meetings laut mitdiskutieren, um ernst genommen zu werden. Dabei ist es völlig okay, ein hochsensibler oder introvertierter Mensch zu sein. Die Erkenntnis hilft dabei, die eigene Stille als Stärke wahrzunehmen.

„Erst als ich verstanden habe, dass ich introvertiert bin und dass es da einen großen Unterschied zur Schüchternheit gibt, hat sich mein Leben radikal verändert“, erzählt Vivien. „Weil nämlich die Schüchternheit doch kein feststehendes Persönlichkeitsmerkmal von mir war, konnte ich mich endlich davon lösen. Heute bin ich nicht mehr schüchtern, aber meine ruhige Art ist geblieben – und das ist gut so.“

Hilfreich kann es sein, offen mit der eigenen Introversion umzugehen und dem Umfeld davon zu erzählen. „Wenn man offen damit umgeht, zeigt man anderen letztlich auch, dass man sich selbst gut kennt, genau weiß, wie man am effektivsten arbeiten kann und dass man so selbstsicher ist, dass auch anzusprechen. Sowohl im Beruf als auch privat.“

Vivien empfiehlt, den Unterschied zur Schüchternheit dabei direkt zu erklären, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Und: „Ansonsten halte ich es noch für wichtig, die Introversion nicht als Ausrede zu nutzen. Nur weil ich introvertiert bin, heißt das nicht, dass ich mich nicht auch mal extrovertiert verhalten kann“, stellt Vivien klar. „Auch Introvertierte können Präsentationen halten, gut im Team arbeiten oder in Meetings etwas zur Diskussion beitragen. Es kommt nur darauf an, dass sie dabei ihre ruhigen Stärken nutzen und hinterher ihre Energie wieder aufladen können.“

Tipps für Introvertierte im Alltag

Wenn du selbst introvertiert bist, ist es zunächst wichtig, deine eigenen Grenzen zu kennen und diese auch im Alltag und im Umgang mit anderen Menschen zu beachten. „Ganz nach dem Motto: Wer viel Zeit mit mir verbringen möchte, muss auch respektieren, dass ich hin und wieder mal Auszeiten brauche“, so Vivien. „Und die andere Person hat im Endeffekt auch mehr davon, weil ich danach wieder voll und ganz für ihn oder für sie da sein kann. Deshalb braucht man dabei auch absolut kein schlechtes Gewissen zu haben.“

Statt großer Partys sind Treffen mit einzelnen Freund:innen oder im kleinen Kreis eher zu empfehlen. Und auch im Büro kannst du darauf achten, deine Energie zu schützen: „Wo möglich, kann man mal die Bürotür zumachen – und wo nicht (z. B. im Großraumbüro), Kopfhörer aufsetzen und damit die Außenwelt kurz ausblenden“, rät Vivien. „Ich finde es auch vollkommen in Ordnung, in der Mittagspause alleine einen Spaziergang zu machen, statt mit den Kollegen zu essen. Und wenn‘s gar nicht anders geht, kann man auch einfach kurz auf die Toilette verschwinden, um ein paar Minuten allein zu sein – auch wenn man gar nicht muss.“ (Tipps für den Joballtag für Hochsensible findest du übrigens hier.)

Solche kleinen Tricks könnten im Alltag für schnelle Hilfe sorgen. „Aber ich achte auch immer darauf, dass mein innerer Akku vorher gut aufgeladen ist“, sagt Vivien. „Unser Handy würden wir ja auch nicht mit einem Akkustand von 10% mitnehmen und erwarten, dass es den ganzen Tag hält.“ Wenn du als Introvertierte also weißt, dass du an einem Tag viel Zeit mit anderen Menschen zusammen bist, nimm dir vorher Zeit für dich selbst. So macht es Vivien. „Und dann halte ich auch einen Tag unter vielen Menschen gut durch, fühle mich wohl dabei und kann ganz anders agieren als mit ‚leerem inneren Akku‘.“

Introvertiert, hochsensibel – oder beides auf einmal?
Vivien Mallon führt ein (nicht ganz so geheimes) Doppelleben: Tagsüber ist sie Kommunikations-Designerin und abends auf großer Mission für Introvertierte, die ihre ruhigen Superkräfte wecken wollen.

Wie sie dazu gekommen ist? Durch ihre eigenen Selbstzweifel und ihre Schüchternheit. Irgendwann war sie so frustriert davon, sich im Umgang mit anderen Menschen ständig unsicher zu fühlen, dass sie sich dazu entschieden hat, etwas zu verändern. Sie startete ein mehrjähriges Selbststudium, wagte sich immer wieder unter Menschen und testete etliche Methoden und Strategien aus Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung und Coaching. Ihre gesammelten Erkenntnisse gibt sie in ihren Büchern weiter. Auf ihrem Blog Intropower teilt sie außerdem ihre Erfahrungen und Tipps, um die eigene innere Power zu wecken und jederzeit selbstsicher auftreten zu können.