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„Das ist wie Champagner“

Was Zittern in dir auslösen kann
Text: Julia Felicitas Allmann
Fotos: Unsplash & Beata Korioth
12.05.2021
Champagner im Glas
Du kannst Spannungen entladen, Ängste loswerden, Mut für deine Projekte finden – wenn du dich nur traust, richtig zu zittern. So wie es Tiere und kleine Kinder tun. So wie wir alle es tun würden, wenn wir es nicht unterdrücken. Wie es sich anfühlt und was es bewirkt? Ich habe es ausprobiert.

Seit ich Beata Korioth kennengelernt habe, zittere ich jeden Tag. Morgens auf der Yogamatte, tagsüber am Schreibtisch, manchmal abends vor dem Einschlafen. Dabei war ich zu Beginn unseres Treffens offen gesagt noch etwas skeptisch, ob die Idee des neurogenen Zitterns wirklich das hält, was ihre Anhänger:innen versprechen.

„Als ich das Zittern zum ersten Mal erlebt habe, war es für mich, als wäre ich auf dem Mars gelandet“, sagt Beata. Und sie strahlt dabei so sehr, dass ich gar nicht anders kann, als mitzustrahlen. „Es war so ein inneres Beben und ich konnte es kaum fassen, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon so viele Jahre mit meinem Körper gearbeitet habe. Ich konnte einfach nicht glauben, dass wir so eine intensive Antwort in unserem Körper haben – und niemand weiß das. Niemand spricht darüber.“

Deshalb hat es Beata zu einer ihrer Missionen gemacht, über das neurogene Zittern zu reden. Sie lebt und arbeitet in Köln, hat dort Yoga-Studios gegründet und bildet in ihrer „School for Being“ Menschen zu Bewusstseinstrainer:innen aus, gibt Coachings zu Entspannung und Atmung, hat ein Buch mit dem Titel „Goodbye Stress“ geschrieben. Beata kennt also viele Techniken und Tools, um herunterzufahren, den Körper zu spüren und Anspannungen zu lösen. Und sie sagt: „Für mich war Zittern, das Puzzleteil, das mir noch fehlte.“

Yogalehrerin Beata Korioth

Traumatherapeut Berceli zittert in der ganzen Welt

Natürlich haben Menschen schon immer gezittert, es kommt in vielen alten Heilritualen vor und es steckt kein neu entwickeltes Konzept dahinter. Trotzdem brauchte es jemanden, der es in der modernen Welt bekannt machte – und das war der Traumatherapeut David Berceli. Er hat eine Abfolge von Übungen entwickelt, mit dessen Hilfe man den Körper zum Zittern bringen kann. Jetzt ist er damit in der ganzen Welt unterwegs, arbeitete unter anderem mit traumatisierten Opfern der Anschläge in Norwegen in 2011 und mit Betroffenen des Schulamoklaufs von Newtown im Jahr 2013.

Auch Beata hat das Zittern bei Berceli gelernt. „Eine Freundin hatte von einem Workshop gehört, den David Berceli in Deutschland gab – da sind wir einfach mal hingefahren, weil wir neugierig waren.“ Und diese Erfahrung hat für sie alles verändert: „Für mich war es nicht wirklich besonders, dass wir das Zittern haben. Das kannte ich aus dem Yoga und auch der Atemtherapie. Aber dass man es bewusst- an und ausschalten kann, das war mir nicht klar.“

„Der Körper entlädt einfach alles“

Wie das funktioniert, will mir Beata nach unserem Gespräch selbst zeigen. Vorher stelle ich ihr noch all meine Fragen – ich will die Theorie verstehen, bevor ich mich selbst an die Praxis wage. Ob man sich dafür gedanklich in eine spezielle Situation begeben muss, möchte ich von ihr wissen. „Nein, du musst dafür nicht in der Kindheit graben“, sagt Beata. „Mach diese Übung, dann entlädt dein Körper. Und der entlädt alles. Der sagt nicht, wir kümmern uns erstmal um das von gestern und dann um diese eine Sache aus der Kindheit. Der entlädt einfach alles, ohne Präferenzen.“

Natürlich klappt das nicht nach einer Zitter-Einheit von zehn Minuten, aber es dauert auch keine fünf Jahre. Zumindest sagen das Beata und David Berceli, der mit seinen Versprechungen noch einen Schritt weiter geht. „Ich habe ihn gefragt, ob mein Trauma ganz weg ist, wenn ich zittere. Und er sagte: Ja“, erzählt Beata. „Ich habe mich gefragt, wie man so eine Aussage treffen kann, ich fand das sehr krass und auch sehr mutig. Aber er ist hundertprozentig sicher – und vielleicht werde ich in zehn Jahren auch so weit sein.“

Studien zeigen: Das Zittern wirkt

Das ist eine gewagte These und ob sie stimmt, lässt sich so einfach nicht überprüfen. Aber kritische Stimmen lassen sich tatsächlich nicht finden. Stattdessen aber ein paar Studien, die die Wirkung des neurogenen Zitterns (das oft auch TRE genannt wird – von Tension & Trauma Releasing Exercises) belegen. So zeigte eine Dissertation im Jahr 2011, dass durch das Zittern bei gesunden Erwachsenen das Allgemeinbefinden verbessert wurde.

Eine Pilotstudie in einem SOS-Kinderdorf in Südafrika kam 2014 zu dem Ergebnis, dass es bei Mitarbeiter:innen zu einer Stressreduktion durch das Zittern kam. Und sogar das US-Verteidigungsministerium beschäftigte sich mal mit verschiedenen Anti-Stress-Methoden und kam zu dem Schluss, dass man das neurogene Zittern einfach erlernen kann und dass es wirkt.

Wir alle haben Traumata in uns

Wenn im Zusammenhang mit dem Zittern von Traumata die Rede ist, sind einerseits wirklich schreckliche Erlebnisse gemeint. Berceli arbeitet auch mit Menschen, die Kriege oder Naturkatastrophen überlebt haben. Aber es geht auch um kleinere Dinge, die wir alle erlebt haben – vor allem in körperlicher Form. „Wenn du vom Fahrrad fällst und dir etwas prellst, ist das ein Trauma“, sagt Beata. „Wenn du bei einem wichtigen Fußballspiel ein Tor schießt und dich total freust, aber im gleichen Moment deinen Muskel verletzt, bleibt ein Trauma zurück. All das speichert sich im Körper.“

Durch das Zittern sollen sich diese gespeicherten Traumata lösen – und dafür müssen wir nicht gezielt versuchen, unsere Schulter zittern zu lassen, wenn wir wissen, dass wir dort Probleme haben. „Im Körper ist alles mit allem verbunden“, erklärt Beata. „Deshalb ist es wichtig, dass jeder weiß, dass alles zittern darf. Auch das Gesicht, der Kiefer – alles wird zittern. Um das zu erreichen, gehe ich mit einer Übung über den Psoas-Muskel rein.“

Der Psoas ist unser großer Lendenmuskel, er gibt unserem Körper Halt, Balance und Stabilität. „Es ist unser Kampf- oder Flucht-Muskel, auf ihm ist enorm viel Spannung drauf“, erklärt Beata. „Und er entlädt sofort, wenn er nur darf.“ Es gibt auch Übungen, bei denen man andere Muskeln zittern lässt. „Man muss einfach nur den mentalen Hebel finden, in meinen Augen klappt das am leichtesten über diese eine Übung über den Psoas“, sagt Beata. Und wie genau das abläuft, kannst du dir im Video von Beata anschauen.

Ich selbst hatte mir das Video vor meinem Treffen mit Beata angesehen. Obwohl ich den Erfolg sah, war ich skeptisch, ob ich mich auch darauf einlassen könnte. Ob ich wirklich zittern würde. Ob ich nicht versuchen würde, es vom Kopf her bewusst zu steuern, damit ich es auch wirklich schaffe. Doch alle Zweifel waren umsonst – ich habe gezittert, ich habe gelacht, ich wollte gar nicht mehr aufhören.

Wie ich das Zittern selbst erlebte

„Jetzt lass uns endlich anfangen, damit du weißt, wovon ich rede“, sagt Beata irgendwann. Also gehen wir in einen großen Raum, in dessen Mitte sie bereits eine Yogamatte für mich bereitgelegt hat. Ich lege mich hin, meine Jeans kann ich anlassen – die eingepackte Yogaleggings brauche ich nicht, sagt sie. Beata erklärt mir genau, was zu tun ist: Becken anheben, die Knie leicht zusammenführen. Schon spüre ich eine leichte Vibration. „Lass das zu“, sagt Beata.

„Es ist genau richtig.“ Das Zittern wird stärker, ich soll mein Becken senken, ich zittere weiter. „Lass es einfach weiter fließen“, sagt Beata. Und es fließt. Ich zittere mit meinen Schultern, mit meinem Kiefer, plötzlich muss ich lachen – obwohl ich gar nicht weiß, wieso. „Sorry, ich find es gar nicht so witzig, es kommt einfach“, sage ich. Beata lächelt nur, sie kennt das. „Das passiert oft, das gehört dazu.“
„Ich sage immer, das ist wie Champagner“, sagt Beata.

Mein Körper zittert weiter, ohne dass ich irgendetwas steuere. Ich könnte einfach so weiter machen, stoppe es aber langsam, weil ich glaube, es verstanden zu haben. Und weil ich Beatas Zeit nicht ewig in Anspruch nehmen will. Schließlich sitzt sie einfach daneben, während ich hier liege, an die Decke schaue und zittere. Ich richte mich auf und ich fühle ein Kribbeln im Körper. „Genieß das“, sagt Beata. „Ich sage immer, das ist wie Champagner.“

Es klappt also, das habe ich selbst gespürt. Ob ich damit wirklich Verspannungen abbaue oder (mir vielleicht sogar unbekannte) Traumata auflöse? Es wird die Zeit zeigen, falls ich damit weitermache. Aber in den Wochen seit unserem Termin habe ich das Zittern immer wieder an- und ausgeschaltet. Und Beata hat vollkommen recht: Ich brauche dafür keine Übung mehr, ich kann es im Stehen oder im Liegen einfach aktivieren und ein paar Minuten meinen Körper das machen lassen, was er offenbar braucht.

Zittern zur Selbstverwirklichung

Zurück zu meinem Treffen mit Beata, denn ich habe noch Fragen. Wie können wir das Zittern gezielt einsetzen? Kann es uns in speziellen Situationen stärken – zum Beispiel, wenn wir große Entscheidungen vor uns haben? Wenn wir ein Business gründen wollen und Angst vor wichtigen Meetings haben? Wenn wir mehr zu uns kommen wollen, in welcher Situation das auch immer nötig ist?

„Gerade bei Aufregung oder Versagensängsten kann dir das Zittern absolut helfen“, sagt Beata. „Es bringt dich in eine Grundspannung hinein. Ein bisschen Spannung wollen wir ja spüren, wenn wir performen wollen.“ Wenn wir aber echte Angst in uns tragen, dann haben wir keinen freien Blick. „Bei Angst richtet sich der Körper auf eine Niederlage ein“, sagt Beata. „Es werden bestimmte Hormone ausgeschüttet, um diese Niederlage zu verkraften. Wenn du zitterst, kannst du Überspannung abbauen, du hast die richtige Dosis von Chemie im Körper, um zum Beispiel eine Entscheidung nicht aus Angst heraus zu treffen. Sondern aus Mut oder Selbstbewusstsein hinaus.“

Beata selbst zittert heute nicht mehr täglich in einer festen Form, sondern nach Bedarf. „Bei meiner Buchpremiere habe ich hinter dem Vorhang gezittert“, erzählt sie. „Es waren ein paar hundert Leute da, das war total schön, aber ich war so aufgeregt. Da habe ich mich erstmal auf den Boden gelegt und zusammen mit der Moderatorin gezittert.“

Einfach mal ausprobieren!

Expert:innen ausmachen. „Ich finde es total wichtig, dass du dir zwar Unterstützung suchen kannst, aber nicht musst. 

„Du kannst es dir auch selbst beibringen. Es ist eine ganz natürliche Angelegenheit und gehört zu dir und deinem Körper“, sagt sie.

Ich kann ja nicht zu jedem nach Hause gehen.“ Schau dir zum Beispiel ihr Video an und probiere einfach aus, ob es für dich passt. „Nur bei hochtraumatisierten Menschen würde ich es zusammen mit einem Therapeuten machen“, sagt Beata. „Denn es kann immer sein, dass etwas hochkommt.“

Auch wenn du nicht bewusst gedanklich in eine Situation hineingehst, kann es sein, dass starke Emotionen auftreten. „In der Regel ist es einfach nur körperlich und du lachst vielleicht, weil es lustig ist. Manche Menschen weinen auch dabei, weil die Entladung so stark ist“, erzählt Beata. „Aber in den meisten Fällen ist es nur der Körper, der reagiert – und den wir einfach nur seine Arbeit machen lassen müssen.“

Keine Angst, dass es nicht klappt

Vor allem solltest du dir keine Gedanken machen, dass du es „nicht kannst“ oder dass das Zittern bei dir nicht funktioniert. „Jeder Mensch schafft es“, sagt Beata. „Es dauert meistens nicht länger als eine Minute, bis das Zittern beginnt. Ich hatte nur mal einen Surfer, der war so muskulös und alles war so angespannt, dass es zehn Minuten dauerte – aber auch bei ihm hat es dann geklappt.“

Und es geht auch nicht darum, das Zittern immer bewusst an- und auszuschalten. Sondern auch darum, es zuzulassen, wenn es kommen will. „Wenn hinter uns eine Tür knallt, spannen wir uns an, weil wir nicht wissen, woher der Knall kommt“, sagt Beata. „Wenn du dann weißt, dass du sicher bist, dass es nur eine Tür war und keine Gefahr besteht: Dann wäre es das Normalste auf der Welt, wenn dein Körper zittert.“ So könnte er entladen, die Spannung abbauen, wieder ins Gleichgewicht kommen.

„Wenn wir aber einfach weiter durchs schnelle Leben gehen, dann bleibt die Spannung im Körper. Wir versuchen sie vielleicht abends mit Alkohol oder Binge-Watching abzubauen – aber das klappt natürlich nicht.“ Wer zittert, braucht diese Ventile im Idealfall nicht, denn der Körper entlädt sofort nach der angespannten Situation.

„Deshalb wünsche ich mir einfach, dass Menschen ihr natürliches Zittern wieder zulassen, um immer wieder zu entladen“, sagt Beata. „Weil du danach einfach freier durchs Leben gehen kannst.“

„Das ist wie Champagner“ – Was Zittern in dir auslösen kann
Beata Korioth ist Yogalehrerin und Gründerin der Yogastudios „Lord Vishnus Couch“ in Köln sowie der Yoga Conference Germany. Außerdem trainiert sie Führungskräfte, ist sie Bewusstseinstrainerin, ganzheitliche integrative Atemtherapeutin und Gründerin der „School for Being“ in Köln. Ihr Buch „Goodbye Stress“ ist 2018 erschienen und ihren Podcast „Fake it ´til you make it“ findest du bei fyeo.de. Hier geht es zu ihrer Website und ihrem Instagram-Account.